Das Unternehmen G42 in Abu Dhabi schreibt erstmals Stellen aus, auf die sich Menschen und KI-Agenten gleichberechtigt bewerben können. Die Bewerber sind also möglicherweise keine Menschen mehr. Sie haben keinen Lebenslauf, keine Gehaltsvorstellungen und benötigen keinen festen Arbeitsplatz. Stattdessen werden sie anhand ihrer Leistungsfähigkeit, Zuverlässigkeit und ihres Beitrags zur Wertschöpfung bewertet. Was heute noch futuristisch klingt, könnte schon bald die Realität vieler Unternehmen werden. Und genau deshalb wird die Zusammenarbeit von HR und IT zu einer der wichtigsten Managementaufgaben der kommenden Jahre.
Die Arbeitswelt verändert sich grundlegend
Lange Zeit war die Aufgabenverteilung in Unternehmen klar: HR verantwortete die Menschen. IT verantwortete die Technologie. Die Wertschöpfung entstand durch die Zusammenarbeit von Mitarbeitenden, unterstützt durch digitale Werkzeuge und Systeme.
Doch mit dem rasanten Fortschritt künstlicher Intelligenz beginnt sich dieses Modell grundlegend zu verändern.
KI ist längst nicht mehr nur ein Werkzeug zur Unterstützung menschlicher Arbeit. Immer häufiger übernimmt sie eigenständig Aufgaben, analysiert Daten, erstellt Inhalte, unterstützt Entscheidungen oder steuert Prozesse. Erste Unternehmen gehen sogar noch einen Schritt weiter und betrachten KI-Agenten als produktive Bestandteile ihrer Workforce.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr:
Wie nutzen wir künstliche Intelligenz?
Die entscheidende Frage lautet:
Wie organisieren wir Arbeit in einer Welt, in der Menschen und intelligente Systeme gemeinsam Wert schaffen?
Genau an dieser Stelle treffen sich die Verantwortungsbereiche von HR und IT.
Produktivität wird zur gemeinsamen Aufgabe von HR und IT
Die Entwicklung kommt nicht von ungefähr. Unternehmen stehen weltweit unter erheblichem Produktivitätsdruck. Gleichzeitig steigt die digitale Komplexität der Arbeitswelt kontinuierlich an.
Eine aktuelle Studie von Nexthink zeigt, dass Mitarbeitende heute mit einer Vielzahl digitaler Anwendungen arbeiten und die digitale Arbeitsumgebung zunehmend über Produktivität, Effizienz und Mitarbeitererlebnis entscheidet. Gleichzeitig sind die befragten Führungskräfte überzeugt, dass eine deutlich engere Zusammenarbeit von HR und IT notwendig wird, um Produktivität nachhaltig zu steigern.
Hinter diesen Zahlen steckt eine grundlegende Veränderung: Produktivität wird immer weniger allein durch Menschen oder allein durch Technologie bestimmt. Sie entsteht zunehmend aus ihrem Zusammenspiel.
Viele Unternehmen investieren derzeit massiv in neue Technologien. Gleichzeitig zeigt sich jedoch immer deutlicher, dass Technologie allein keine Produktivität erzeugt.
- Eine KI-Anwendung schafft keinen Geschäftswert, wenn Mitarbeitende sie nicht verstehen oder akzeptieren.
- Ein digitales Tool verbessert keine Zusammenarbeit, wenn Prozesse ungeeignet gestaltet sind.
- Eine Automatisierung bleibt wirkungslos, wenn Kompetenzen und Rollen nicht angepasst werden.
Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht in der Einführung neuer Technologien. Sie besteht darin, Menschen und Technologie gemeinsam wirksam zu machen.
Die wichtigsten Zukunftskompetenzen sind überraschend menschlich
Wer die aktuelle Diskussion verfolgt, könnte leicht den Eindruck gewinnen, dass die Zukunft vor allem von technologischen Fähigkeiten bestimmt wird. Ein Blick auf den Future of Jobs Report des World Economic Forum zeichnet jedoch ein deutlich differenzierteres Bild.
Zu den wichtigsten Kompetenzen der Zukunft gehören:
- Analytisches Denken
- Resilienz und Anpassungsfähigkeit
- Führung und sozialer Einfluss
- Kreativität
- Motivation und Selbststeuerung
- Technologische Kompetenz
- Empathie und aktives Zuhören
- Neugier und lebenslanges Lernen
Die bemerkenswerte Erkenntnis dabei: Die meisten dieser Kompetenzen sind keine technologischen Fähigkeiten, es sind menschliche Fähigkeiten.
Je leistungsfähiger künstliche Intelligenz wird, desto wichtiger werden die Kompetenzen, die Menschen befähigen, Technologie sinnvoll einzusetzen, Entscheidungen zu treffen, Veränderungen zu gestalten und andere Menschen zu führen.
Die Zukunft gehört deshalb weder der Technologie noch dem Menschen allein. Sie gehört ihrer intelligenten Kombination.
Produktivität entsteht an der Schnittstelle von Mensch und Technologie
Genau hier liegt die eigentliche Herausforderung für Unternehmen. IT gestaltet die technologische Leistungsfähigkeit der Organisation:
- Daten und Analytics
- KI und Automatisierung
- Digitale Plattformen
- Systeme und Infrastruktur
HR gestaltet die menschliche Leistungsfähigkeit der Organisation:
- Kompetenzen und Qualifizierung
- Führung
- Organisationsentwicklung
- Zusammenarbeit und Kultur
- Veränderungsfähigkeit
Die zentrale Größe, auf die beide Funktionen einzahlen, ist letztlich dieselbe: die Leistungsfähigkeit der Organisation.
- Eine KI-Lösung erzeugt keinen Geschäftswert, wenn Mitarbeitende nicht wissen, wie sie sinnvoll eingesetzt wird.
- Eine Weiterbildungsinitiative erzeugt keinen Wettbewerbsvorteil, wenn die technologischen Voraussetzungen fehlen.
- Eine Transformation scheitert häufig nicht an der Technologie und auch nicht an den Menschen allein, sondern an der mangelnden Verbindung beider Perspektiven.
Deshalb wird Produktivität künftig genau an der Schnittstelle von HR und IT entstehen.
Warum die Diskussion über eine Fusion von HR und IT zu kurz greift
Aktuelle Studien zeigen, dass viele Führungskräfte eine deutlich engere Zusammenarbeit zwischen HR und IT erwarten. Manche prognostizieren sogar einen organisatorischen Zusammenschluss beider Bereiche.
Aus meiner Sicht greift diese Diskussion jedoch zu kurz. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob HR und IT zukünftig in derselben Organisationseinheit angesiedelt sind. Die entscheidende Frage lautet, ob beide Funktionen gemeinsam Verantwortung für die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens übernehmen.
Denn die größten Herausforderungen der kommenden Jahre liegen genau zwischen beiden Funktionen:
- Einführung von KI
- Transformation von Geschäftsmodellen
- Qualifizierung der Belegschaft
- Produktivitätssteigerung
- Datenbasierte Entscheidungen
- Veränderung von Rollen und Organisationsstrukturen
Keine dieser Herausforderungen kann HR allein lösen. Keine dieser Herausforderungen kann IT allein lösen. Sie erfordern eine gemeinsame Perspektive auf Technologie, Menschen und Wertschöpfung.
Vom Personalmanagement zum Workforce Design
Für HR bedeutet diese Entwicklung einen tiefgreifenden Rollenwandel. Die klassische Perspektive auf Personalmanagement konzentriert sich vor allem auf Menschen:
- Recruiting
- Personalentwicklung
- Vergütung
- Administration
Diese Aufgaben bleiben wichtig und werden auch künftig einen wesentlichen Bestandteil professioneller HR-Arbeit darstellen. Doch zukünftig wird eine weitere Fragestellung hinzukommen:
Wie gestalten wir die optimale Zusammenarbeit von Menschen, Technologie und KI-Agenten?
Damit verändert sich auch die Perspektive strategischer Personalplanung. Die zentrale Frage lautet nicht mehr nur: Welche Menschen brauchen wir? Sondern zusätzlich:
- Welche Aufgaben übernehmen Menschen?
- Welche Aufgaben übernimmt Technologie?
- Welche Aufgaben übernehmen KI-Agenten?
- Welche Kompetenzen benötigen Mitarbeitende, um in diesem System erfolgreich zu sein?
- Wie entwickeln wir diese Kompetenzen systematisch weiter?
Die Workforce der Zukunft besteht nicht mehr ausschließlich aus Menschen. Sie besteht aus Menschen, Technologien und intelligenten Systemen, die gemeinsam Wert schaffen.
Die neue Allianz zwischen HR und IT
Genau deshalb wird die Zusammenarbeit zwischen HR und IT zu einer der wichtigsten strategischen Partnerschaften im Unternehmen. HR bringt das Verständnis für Menschen, Kompetenzen, Führung und Organisation ein. IT bringt das Verständnis für Technologie, Daten, Automatisierung und digitale Plattformen ein.
Gemeinsam gestalten beide Funktionen die Leistungsfähigkeit einer hybriden Organisation. Einer Organisation, in der Menschen und intelligente Systeme nicht gegeneinander arbeiten, sondern ihre jeweiligen Stärken miteinander verbinden. Während IT die technologische Leistungsfähigkeit gestaltet, gestaltet HR die menschliche Leistungsfähigkeit. Die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen entsteht künftig aus dem Zusammenspiel beider Perspektiven.
Die Diskussion über eine mögliche Fusion von HR und IT greift deshalb zu kurz. Die eigentliche Entwicklung ist viel tiefgreifender.
Erstmals in der Geschichte von Unternehmen entsteht eine Workforce, die nicht mehr ausschließlich aus Menschen besteht. Menschen, digitale Systeme und zunehmend auch KI-Agenten werden gemeinsam Wert schaffen. Die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen wird deshalb künftig davon abhängen, wie gut sie dieses Zusammenspiel gestalten.
Genau an dieser Schnittstelle treffen sich HR und IT. Die Zukunft gehört daher weder HR noch IT. Sie gehört Organisationen, die menschliche und technologische Potenziale gleichzeitig entwickeln und erfolgreich miteinander verbinden können.